Kolumba Kunstmuseum des Erzbistums Köln

Ästhetik aus Proportion, Material und Licht

Ein Interview mit Dr. Stefan Kraus, Direktor des Kolumba

Das vom schweizer Architekten und Pritzker-Preisträger Peter Zumthor erschaffene Kolumba Kunstmuseum des Erzbistums Köln befindet sich seit 2007 im seinem Neubau an der Stelle der romanischen Kirche St. Kolumba, die im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. In Ausgrabungen wurden die romanischen Fundamente dreier Vorgängerbauten aus dem 9. bis 13. Jh. sowie frühere Mauerreste aus der Mitte des 1. Jh. sowie aus der fränkischen Zeit um 800 freigelegt. Diese unmittelbar ablesbare Schichtung der Stadtgeschichte setzt sich als Konzept sowohl für die Architektur des Neubaus als auch die Präsentation der Kunst fort. Das Gebäude integriert das Museum, die archäologischen Ausgrabungen und die von Gottfried Böhm an Stelle der zerstörten Kirche erbaute Kapelle „Madonna in den Trümmern“.  Für das CUBE Magazin habe ich mich im Herbst 2011 mit Dr. Stefan Kraus, dem Direktor des Kolumba unterhalten.

CUBE: Peter Zumthor ist für seinen kompromisslos ästhetischem Anspruch bekannt. Welchen Herausforderungen muss man sich als sein Bauherr stellen?

Dr. Kraus:  Kolumba ist ein ganzheitlicher Ansatz, und wir haben als Kuratoren und Bauherren den gleichen Anspruch wie der Architekt. Das von Historie durchsetzte Grundstück ist der Impuls, es konnte so nur hier gebaut werden; weder Grundstück noch Gebäude sind beliebig, beide verbindet die vertikale Zeitachse, die Schichtung der Stadthistorie. Das Konzept des Museums entspricht diesem Grundsatz, so wurde es auch schon im Wettbewerb gefordert. Es gab keine Vorgabe für die Räume, sondern den kompromisslos ästhetischen Anspruch, der Kunst, Architektur und Ortsgeschichte zusammenbindet.

CUBE: Ästhetik als Vorgabe?

Dr. Kraus: Die Ästhetik spielt die wichtigste Rolle, ist zentrales Ausstellungsanliegen; nicht etwa das intellektuelle Verständnis der Kunst. Der Besucher wird ernst genommen als Mensch, egal ob er wegen der Architektur kommt, der Archäologie oder der Kunst. Die Exponate sind nicht durch Hinweisschilder erläutert; Kunst soll nicht abgearbeitet werden, sondern entsteht durch Reaktion auf den Besucher. Wer mag, kann sich am Eingang gerne ein informatives Heftchen mitnehmen, sich ins Lesezimmer setzen und mehr erfahren.

CUBE: Sicherlich zieht das Gebäude viele an Architektur interessierte Besucher an?

Dr. Kraus: Es gibt viele Architekten und Architekturinteressierte, die sich Kolumba anschauen, alleine oder in Gruppenführungen – die übrigens alle außerhalb der regulären Öffnungszeiten stattfinden, damit Einzelbesucher nicht durch Gruppenbesucher in ihrer Wahrnehmung gestört werden. Die Kuratoren sind in die Führungen eingebunden und erhalten so unmittelbares Feedback der Besucher. Spannend für uns ist: mit welchen Erwartungen kommen die Menschen ins Kolumba? Viele erwarten in einem kirchlichen Museum die Präsentation der Kirchengeschichte, doch genau dies findet nicht statt. Vielmehr werden die Besucher durch die Gegenüberstellung von Alt und Neu konfrontiert; das jüngste Kunstwerk stammt aus 2011. Dieses Prinzip des Dialogischen zieht sich durch das Gesamtkonzept aus Architektur, Archäologie und Kunst. Kolumba gibt der Kunst einen fast privaten Rahmen. Es ist zwar ein öffentliches Haus, aber beim Betreten wird man verwandelt, fühlt sich fast zuhause. Kolumba bietet Intimität und Gelassenheit, nicht die Künstlichkeit vieler Museumsbauten. Nur Proportion, Material, Licht, Atmosphäre. Man fühlt sich geradezu eingeladen, hier zu verweilen, wieder zu kommen. Viele Besucher haben eine Jahreskarte, kommen aus der urbanen Hektik ins Kolumba, finden Ruhe, setzen sich in die Ausstellung, in den Lesesaal oder den Baum bestandenen Innenhof.

CUBE: Das Kolumba als privater Raum, als zweites Zuhause?

Dr. Kraus: Das Private ist immer wieder Kriterium gewesen bei der Planung. Wie würde das Detail zuhause aussehen? Dies betrifft auch die Möblierung, von der Vitrine bis zu den Sitzmöbeln. Peter Zumthor hat zugehört, hat formale Lösungen gebracht, hat überrascht. Die Kuratoren haben sich inspirieren lassen, jedes Stadium der Planung abgeglichen mit der Sammlung; Erkenntnisse gewonnen darüber wie das Museum funktionieren könnte. Beispielsweise die Vitrinen: gut proportioniert, schlicht, einfach, funktionell, man kann etwas hinausnehmen und etwas anderes wieder hineinstellen; sie könnten auch zuhause in der Wohnung, im privaten Alltag stehen. Oder die Vorhänge: nicht computergesteuert, sondern schlicht ein System wie auch zuhause.

www.kolumba.de

Der Text entstammt meinem Interview für CUBE Köln/Bonn, Ausgabe 4-2011